Wenn Ihr erwachsenes Kind nicht auszieht, geben Sie ihm endlich einen Schubs.

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Nichts wie raus aus dem Elternhaus!
Das war in meiner Generation (Jahrgang 48) der dringlichste Wunsch von Heranwachsenden. Das hat sich total verändert. Heute wollen immer mehr erwachsene Kinder über 20 Jahre lieber zu Hause wohnen bleiben. Und noch schlimmer: Immer mehr Eltern haben nichts dagegen.

Als ich damals mit 18 von zu Hause auszog, wollte ich auf eigenen Beinen stehen. Wollte ungestört Damenbesuch (so hieß das damals im Vermieterjargon) empfangen. Das Ausziehen konnte ich mir vom überwiegenden Teil meines Geldes aus der Banklehre leisten. Andere arbeiteten in Wirtshäusern, Fabriken oder trugen Zeitungen aus, nur damit sie endlich unabhängig sein konnten. Man wollte nicht, dass die Eltern morgens sahen, wer unser Zimmer verließ oder wie viele Bierflaschen sich in der Küche angesammelt hatten. Wir wollten raus, und wir konnten raus – auch weil die Eltern uns ziehen ließen.

Vielleicht manchmal ein wenig rebellisch und auch übereilt zog mancher von zu Hause aus. Sehnte sich vielleicht schon nach einiger Zeit sogar wieder zurück in den elterlichen Schoß. Aber wir zogen aus! Und blieben auch weg.

Heute ist das anders. Das zeigen alarmierende Statistiken:

  • 64 Prozent der 18- bis 24-Jährigen leben in Deutschland mit ihren Eltern in einem Haushalt zusammen.
  • Jungs wohnen länger bei den Eltern als Mädchen. Jeder zweite 23-Jährige lebte 2014 noch im elterlichen Haushalt, teilte das Statistische Bundesamt mit. Von den gleichaltrigen Frauen war es nur gut jede Dritte.
  • Nach Angaben des Europäischen Statistikamtes Eurostat lebten 2013 in den 28 EU-Ländern 60 Prozent der 20 bis 24 Jahre alten Frauen noch bei den Eltern. Bei den gleichaltrigen Männern waren es sogar 72 Prozent. In der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen wohnten 28 Prozent der Töchter und 43 Prozent noch daheim.
  • Die längsten Nesthocker lebten in Ost- und Südeuropa. Am längsten mit einem durchschnittlichen Auszugsalter von 32 Jahren in Kroatien. Gefolgt von der Slowakei (31), Malta (30) und Italien (30). Experten nennen hier Arbeitslosigkeit und Geldmangel als häufigste Ursache. In Griechenland und Italien ziehen die Söhne im Durchschnitt erst nach dem 30. Lebensjahr aus, in Spanien und Portugal nur geringfügig früher. In Italien musste jüngst ein 41-Jährigen finanziell unabhängiger Sohnemann mittels Anwalt unter Androhung gerichtlicher Folgen aufgefordert werden, das Elternhaus binnen sechs Tagen zu verlassen.
  • Am eiligsten mit dem Ausziehen haben es die Skandinavier: Die Schweden schon mit knapp 20, Dänen mit 21 und Finnen mit knapp 22 Jahren. Für alle EU-Staaten gilt: Junge Frauen (im EU-Schnitt 25 Jahre) ziehen früher aus als junge Männer (27 Jahre).
  • Der neueste Trend in Amerika sind die „Boomerang Kids“.
    Sechs Millionen Amerikaner zwischen 25 und 34 Jahren leben derzeit bei ihren Eltern, Grund hierfür ist die Rezession. Das Einkommen ist in den letzten Jahren um circa 7 Prozent gesunken, gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten gerade in den Metropolen um bis zu 18 Prozent gestiegen.Ein Blick auf die Homepage www.adultchildrenlivingathome.com zeigt Erschreckendes: 25 Millionen erwachsene Kinder (20–49 Jahre), sind zurückgekehrt oder haben das Elternhaus nie verlassen. In Kanada leben 44 Prozent der 20- bis 29-Jährigen noch zu Hause.
  • Auch in Japan kennt man das Phänomen der häuslichen Nesthocker. Dort wurde sogar eine eine ganze Generation als Problemfall definiert: Eine Million junge Menschen hocken lieber daheim als auszuziehen und sich eine Arbeit zu suchen. Hikikomori nennt man die jungen Einsiedler dort, und betrachtet mit wachsender Sorge, dass ihre Zahl stetig steigt. Doch diese jungen Japaner haben sich oft völlig von der Außenwelt zurückgezogen. Sie verlassen überhaupt nicht mehr das Haus, lassen sich das Essen von den Eltern vor die Tür stellen und verbringen ihr Leben den ganzen Tag vor dem PC.

 


 

Klar, die Zeiten haben sich geändert. Hier die wichtigsten Gründe, warum erwachsene Kinder noch oft zu Hause wohnen:

1. Grund: Studentenbuden sind in den Uni-Städten kaum bezahlbar.

Die Lage auf dem Wohnungsmarkt in vielen Hochschulstädten und Ballungszentren hat sich in den letzten zehn Jahren verschärft. Die Mieten in vielen Städten sind stark gestiegen. Günstige Wohnungen auch für junge gutverdienende Paare sind in den Großstädten kaum zu bekommen. Findet sich doch eine hat man leicht zwanzig oder fünfzig Mitbewerber und nur junggebliebene Alt-Achtundsechziger vermieten lieber an Studenten als an das gutverdienende ältere Ehepaar mit tadelloser Schufa-Auskunft.
Zudem ist die Zahl der Studenten ist in den vergangenen Jahren um 36 Prozent gestiegen, die der staatlich geförderten Wohnheimplätze aber nur um 5,5 Prozent.

2. Grund: Die Ausbildungszeiten sind länger als früher

Längere Ausbildungszeiten bedingen, dass die meisten jungen Menschen heute erst später in den Beruf einsteigen. Deshalb sind viele junge Erwachsene während Ausbildung oder Studium noch auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. Oft auch über den Berufseinstieg hinaus, vor allem wenn nur ein befristeter Arbeitsvertrag angeboten wird.

Früher waren vor allem Streitereien zwischen Alt und Jung die Hauptursache für den Auszug aus dem Elternhaus. Heute sind es vor allem finanzielle Gründe, dass die jungen Erwachsenen länger zu Hause leben. Auch ist das Jobben neben dem Studium aufgrund der gestiegenen Studiumsanforderungen schwieriger geworden.

3. Grund: Hotel Mama bietet Full-Service.

Wer als junger Erwachsener noch bei seinen Eltern wohnt, spart nicht nur Miete. Oft übernimmt die Mutter lästige Aufgaben wie Kochen und Waschen. Vor allem Männer bleiben deshalb lieber in ihrem Kinderzimmer. Wegen Wlan-Problem muss man sich nicht mit dem Vermieter rumärgern. Und wenn mal das Wasser der Scheibenwaschanlage vom Auto eingefroren ist, muss man nicht gleich zur Werkstatt, sondern bittet den Vater um Abhilfe..

4. Grund: Die Beziehung zu den Eltern hat sich geändert.

Generationskonflikte werden immer seltener. Früher waren Familien oft durch das patriarchalische Modell geprägt. Die Eltern oder der Alleinverdiener hatten das Sagen und in der Pubertät wollte oder musste man sich dagegen auflehnen.

Heute haben sich die Lebensstile von Kindern und Erwachsenen angeglichen.  Mutter lässt sich von ihrem 12jährigen Sohn die neue App auf ihrem Smartphone erklären. Der Vater trägt in der Freizeit Jeans und Hoodie. Mutter und Tochter gehen gemeinsam bei H&M einkaufen. Alle verständigen sich über die Familien-Whatsapp-Gruppe, weil das so praktisch ist.

In vielen Lebensbereichen sind die Grenzen längt fließend zwischen Kindern und Eltern. Die Notwendigkeit oder der Wunsch, sich stark abzugrenzen, sind geringer worden. Früher fanden viele Heranwachsende Kleidung, Ansichten und Lebensstil ihrer Eltern unmöglich und schworen sich: „Bloß nie so werden wie die Alten!“ Heute sind die Kinder oft zufrieden mit der Erziehung ihrer Eltern und haben sogar ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen.

5. Grund: Auch die Ehen der Eltern haben sich geändert.

Paare haben heutzutage einerseits weniger Kinder aber oft höhere Einkommen als früher und können es sich leisten, dass das erwachsene Kind noch durchgefüttert und versorgt wird. Aber immer mehr Paare lassen sich auch nach 25, 30 Jahren scheiden, weil sie nach dem Auszug der Kinder feststellen, dass sie kaum noch etwas gemeinsam haben. Und Scheidung ist im Gegensatz zu früher kein sozialer Makel mehr.

 


Warum Ausziehen aus dem Elternhaus wichtig ist.

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Zwei von drei Deutschen finden, dass junge Leute bis zu ihrem 25. Geburtstag aus dem elterlichen Haus ausgezogen sein sollten. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag von dpa. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten waren sogar der Ansicht, dass erwachsene Kinder so schnell wie möglich von zu Hause ausziehen sollten.

In jungen Jahren ab zwanzig ist es wichtig, den eigenen Lebensweg zu finden und sich abzulösen von den Eltern. Das geht am besten durch eine räumliche Trennung. Natürlich nur dann, wenn man dann nicht jeden Tag – oder gar mehrmals täglich – miteinander telefoniert. Sondern jeder sein Leben lebt. Die Gefahr von Nesthockern ist, dass sie auch andere Dinge des Erwachsenwerdens später angehen: Überlang studieren, spät oder gar nicht heiraten oder ewig mit der Familiengründung warten.

Auch gibt es beim Zusammenleben von Eltern und erwachsenen Kindern auf jeden Fall Konflikte, wenn zwei Generationen Erwachsener unter einem Dach leben. Es bleibt der Haushalt der Eltern, und Kinder bleiben ein Leben lang Kinder.

Wenn Kinder keine Anstalten machen auszuziehen, wurde oft in den Jahren zuvor die Eigenverantwortung zu wenig gefördert.  Das Kind wurde zu sehr verwöhnt und lernte nicht, dass man für spezielle Wünsche auch etwas tun muss. Wer früh durch aktives Mithelfen erlebt hat, dass das Essen nicht durch Zauberkraft auf den Tisch kommt, sondern eingekauft, gekocht und abgespült werden muss, ist später meist besser auf das Alleinleben vorbereitet.

Die materiellen Vorteile des Zuhause-Wohnens sind verlockend. Man hat ein größeres Zimmer als im Studentenwohnheim und ist nicht den ganzen Tag allein. Der Kühlschrank ist immer voll und abends kann man auch noch das Familienauto mitbenutzen. Die Lebensqualität in der eigenen Bude oder WG wäre dagegen erst mal schlechter als im komfortablen Elternhaus. Vielleicht fehlen zu Beginn sogar Spül- und Waschmaschine und man muss sich irgendwie behelfen. Da liegt das Hängenbleiben im „Vier-Sterne-Hotel ‚Mama‘ verführerisch nahe.

Warum überhaupt ausziehen?

Mama und Papa sind cool, man versteht sich blendend, es ist gemütlich. Warum sollte man ein solch perfektes Nest verlassen? Einige junge Erwachsene denken gar nicht daran auszuziehen. Kinder müssen jedoch lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Betreiben sie das nicht rechtzeitig von selbst, müssen Mutter und Vater meiner Meinung nach ihrem Kind einen Schubs geben.


Die Gründe, warum Eltern ihre Kinder nicht loslassen.

Viele Eltern lassen ihren Nachwuchs auch nicht rechtzeitig los, manchmal auch unbewusst.

  • Weil sie noch nicht wissen, wie sie ihr Leben ohne Kinder gestalten wollen.
    Wer sich während der Kinderphase zu sehr mit der Vater- oder Mutterrolle identifiziert hat, weiß unter Umständen mit dem Wegfall der Rolle mit der neuen möglichen Freiheit nichts anzufangen. Mit einem Kind – ähnlich wie mit einem Hund – lernt man mühelos andere Erwachsene kennen. Fallen diese Gelegenheiten weg, weiß man vielleicht gar nicht mehr, wie das Freundschaften knüpfen und pflegen geht.
    Auch müssen die Eltern überlegen, wie sie künftig leben wollen. Vielleicht ist das Haus oder die Wohnung jetzt zu groß und die viele Freizeit muss mir etwas anderem Sinnvollem gefüllt werden.
  • Weil es in der Ehe schon lange kriselt.
    Haben die Eltern während der Kinderphase das Paarleben vernachlässigt, kann es sein, dass die neuerliche Zweisamkeit ohne das Kind bedrohlich wirkt: „Worüber sollen wir dann reden?“ Was verbindet uns denn noch?“
    Ist die Paarbeziehung gut, können die Eltern das erwachsene Kind loslassen.

    „Wann beginnt das Leben?“ war das Thema einer Diskussion zwischen drei Experten:
    Der Pater: „Nun, liebe Brüder, ich bin der Ansicht, dass das menschliche Leben bereits beginnt, wenn sich Vater und Mutter in Liebe zusammentun.“
    „Na ja“, antwortet der evangelische Pfarrer, „das menschliche Leben beginnt, wenn die Samen- und Eizelle miteinander verschmelzen.“
    „Nebbich“, meint der Rabbi, „das menschliche Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist!“

  • Weil sie das Zeichen des Älterwerdens nicht wahrhaben wollen.
    Zieht das jüngste Kind aus, ist die Elternphase abgeschlossen. Mann und Frau sind älter geworden. Ein nächster Schritt kann die Großeltern-Phase sein, aber die kann noch eine Weile auf sich warten lassen oder kommt gar nicht.
    Durch diesen Übergang kann einem schmerzlich bewusst werden, dass das Leben nicht endlos währt.
  • Weil die Eltern Schuldgefühle haben.
    Das geschieht meist dann, wenn sich die Eltern früh getrennt haben und mitgekriegt haben, dass das Kind darunter litt. Alleinerziehende Eltern sehen es dann oft als Lebensaufgabe, das wiedergutzumachen. Sie bemühen sich, ihrem Sohn oder der Tochter nichts Belastendes mehr zuzumuten und wollen es stattdessen immer beschützen und umsorgen.
    Doch Wiedergutmachung ist zum einen nicht angemessen und auch nicht möglich. Und Sie tun Ihrem Kind damit auch keinen Gefallen, denn Sie halten es damit klein und trauen ihm nicht zu, das Leben anzupacken.

Wie man seinem erwachsenen Kind einen Schubs gibt.

Wenn es nicht so klappt, wie bei den jungen Enten hier, müssen Sie anders vorgehen.

Am besten klar in der Sache, freundlich im Ton. Machen Sie ihrem Kind klar, dass es ausziehen muss. Reagiert das Kind mit Widerstand oder Unverständnis („Aber hier ist doch genug Platz für uns alle!“) sagen Sie deutlich, dass sie wieder für sich sein wollen.

In dem Gespräch soll auch geklärt werden, wann und wie der Auszug vor sich gehen soll, damit Ihr Kind versteht, was Sie wollen.

Die räumliche Trennung durch den Auszug gehört zur Ablösung von Eltern und Kind dazu.
Ihr Kind bleibt immer Ihr Kind aber Sie behandeln es fortan als Erwachsenen. Vielleicht stellen Sie ja nach einer Weile sogar fest, dass der Schubs aus dem behaglichen Elternnest Ihrem Nachwuchs auch gut tut und es sein neues Leben im eigenen Nest genießt. Aber diese Hoffnung sollte nicht Ihre primäre Motivation sein, denn es gibt auch verwöhnte Kinder, die den „Rausschmiß“ kränkend erleben und Ihnen womöglich lange nachtragen.

Ist das Kind über zwanzig, sollten Eltern das Zusammenleben nur solange akzeptieren, wie es unbedingt notwendig ist. Gegen das „Hotel-Mama-Syndrom“ hilft auch eine Regelung, dass der Nachwuchs von seinem Ausbildungssalär einen finanziellen Beitrag abgibt. So können Sie Ihr Zuhause zu einer Wohngemeinschaft mit einem Monatsbeitrag für Kost und Logis Muttersohn, ablösung, erwachsene kinder, kopp-wichmann, persoenlichkeits-blogumwandeln. Das kann die Auszugsbereitschaft Ihres Kindes enorm fördern.

Mit dem Anschubsen zum Flügge-Werden kann man schon früh anfangen. Indem Sie Ihr Kind altersgemäß loslassen.

Wer als Jugendlicher daran gewöhnt wurde, beim Hausputz zu helfen oder  sich am Wochenende auch mal allein Miracoli kochen muss, wenn die Eltern zu Freunden oder zum Wandern sich verabschieden, kann schon früh Selbständigkeit üben. Auch den kostenlosen Wasch- und Bügelservice können Sie einschränken oder ganz aufkündigen. Einfach weil das zuständige Personal mehr frei haben möchte.

Wenn Ihnen der Gedanke, nach dem Auszug der Kinder allein in der leeren Wohnung zurückzubleiben, große Angst macht, dann denken Sie daran, dass Ihnen Ihr Kind nicht gehört. Der Titel eines Buches drückt es schön aus: 

Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen.“

 

kommentar Wie gehen Sie mit Ihrem erwachsenen Kind um?
W
ie haben Sie das Ablösen erlebt?

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